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Das Magazin · Taktik

Die Chiefs-Offense erklärt: So funktioniert das System Andy Reid

Warum die Chiefs so viele kurze Pässe werfen, wieso Speedster in Kansas City landen und welche Play-Konzepte Mahomes immer wieder nutzt: das System Andy Reid zum Nachlesen.

Von Daniel JensenAktualisiert am 4. November 2026 · Stand: November 20268 Min. Lesezeit

Wie funktioniert eigentlich die Offense der Chiefs? In einer Folge von Das Kingdom hat NFL-Experte und früherer NFL-Europe-Receiver Maximilian von Garnier die Offensiv-Strategien von Andy Reid erklärt. Das war teilweise sehr technisch, detailliert und ohne visuelle Unterstützung nur schwer zu verstehen. Daher erklärt dieser Artikel die Themen aus der Folge noch einmal in Textform und mit Grafiken.

Maximilian von Garnier im schwarz-rot-goldenen Trikot der deutschen Nationalmannschaft
Maximilian von Garnier im Trikot der deutschen Nationalmannschaft 2005 bei den World Games.

Teil 1: Wer ist Andy Reid und was macht ihn besonders?

Wer ist Andy Reid?

Andy Reid mit Headset an der Seitenlinie der Chiefs
Quelle: Chiefs.com
  • Andy Reid hat früh in seiner Coaching-Karriere bei Football-Innovatoren gelernt. Am College arbeitete er an der San Francisco State unter Head Coach Vic Rowen. In der NFL holte ihn 1992 Mike Holmgren zu den Green Bay Packers – Holmgren hatte die West-Coast-Offense unter ihrem Erfinder Bill Walsh bei den 49ers kennengelernt.

  • 1999 wurde Andy Reid Head Coach der Philadelphia Eagles. Schon dort holte er mit seinen Offensiv-Konzepten viel aus seinen Quarterbacks wie Donovan McNabb heraus.

  • In seiner Karriere entwickelte Andy Reid in seinen Coaching-Teams viele Talente, die später in der NFL Karriere machten, zum Beispiel John Harbaugh, Sean McDermott, Ron Rivera, Pat Shurmur, Doug Pederson, Matt Nagy, Mike Kafka und Steve Spagnuolo.

  • Bei den Eagles war Reid oft dicht dran, gewann aber nie einen Super Bowl. Das schaffte er erst mit Patrick Mahomes und den Chiefs im Februar 2020 (Super Bowl LIV), es folgten die Titel im Super Bowl LVII und LVIII. Mehr zu Reid und seinem Trainerstab lest ihr bei den Coaches der Chiefs.

Was zeichnet ihn aus?

  • Er ist ein Offensiv-Mastermind, der in über 30 Jahren jede Art von Gegner und Defense gesehen hat. Dabei kann er sich auf sein Spielermaterial einstellen (siehe den Weggang von Tyreek Hill 2022) und Stärken finden, um Big Plays zu machen.

  • Andy Reid hat 1.500 bis 2.000 Plays im Kopf, von denen nur 100 bis 150 am Gameday zum Einsatz kommen können. Am Ende werden 50 bis 60 während eines Spiels gecallt.

  • Er entwickelt ein Team so, dass es am Ende der Saison am stärksten ist und er immer noch Überraschungen und Unvorhergesehenes für die Konkurrenz im Ärmel hat. Es bringt ihm nicht viel, in Week 4 bis 6 dominant zu sein, wenn sich die Gegner dann an ihn anpassen können. Wie gut das funktioniert, zeigt auch seine Bilanz nach der Bye-Week.

Teil 2: Das Konzept – Was ist die West-Coast-Offense?

  • Definition: Die West-Coast-Offense bietet die Kontrolle des Balles und damit der Uhr – hauptsächlich durch kurze und „perfekt getimte“ Pässe mit hoher Completion-Rate auf alle Receiver, die auf fest vorgegebenen Passrouten unterwegs sind und die volle Breite des Spielfelds nutzen.

  • Damit ist die West-Coast-Offense der Gegenentwurf zur NFL vor den 90er-Jahren. Dort wurde die Kontrolle des Spiels mit einem funktionierenden Running Game erreicht. Passen war damals immer deutlich riskanter. Das veränderte sich erst durch diese Art der Offense.

  • Ein anderes Offensivkonzept ist zum Beispiel Air Coryell (benannt nach Don Coryell), das darauf aus ist, mit deutlich größerem Risiko vertikal zu passen und mit Deep Balls zum Erfolg zu kommen. Eine pass-lastige Offense mit vielen tiefen Würfen spielte Patrick Mahomes auch am College bei Texas Tech unter Head Coach Kliff Kingsbury.

  • Wichtig für die West-Coast-Offense sind das Timing zwischen Receivern und Quarterback und das exakte Route-Running. Nur so können sichere Pässe angebracht und der Ball direkt in die Hände des Receivers geworfen werden. Dazu sind viel Wiederholung und Vertrauen notwendig.

  • Außerdem versuchen die verschiedenen Plays, das Spielfeld lang und breit zu machen, um Räume zu schaffen und Mismatches zu kreieren. Die West-Coast-Offense setzt darauf, dass wendige Wide Receiver gegen etwas steifere Linebacker spielen und große Tight Ends gegen kleinere Cornerbacks.

  • Durch die eher kurzen Pässe werden Yards after Catch wichtiger. Beliebt sind Receiver-Typen, die auch nach dem Fangen des Balles noch Raum gewinnen und First Downs ermöglichen.

  • Die Chiefs sind besonders in der Red Zone, wo es keine Tiefe gibt, sehr kreativ und arbeiten dort mit Motions und ungewöhnlichen Formationen. Ein Beispiel sind die zwei Touchdowns von Kadarius Toney und Skyy Moore nach Motion im Super Bowl LVII – mehr dazu bei den besten Trick-Plays unter Andy Reid.

  • Die Chiefs spielen ihre Offense meist aus der Shotgun. So hat der Quarterback etwas mehr Zeit, das Feld vor sich zu scannen und die richtige, freie Passoption zu finden.

  • Die Offense lebt davon, dass jeder Spieler oder jede Positionsgruppe eigene „Aufträge“ bekommt – dadurch werden die Playcalls unfassbar lang. Beispiel gefällig? South Right Clamp Fake 67 Slant Naked Right Zebra Slide Can 67 Slant

Teil 3: Die Umsetzung – Welche Rollen haben die einzelnen Positionsgruppen?

  • Im System Andy Reid ist es wichtig, dass das Team über Receiver verfügt, die 1-on-1-Duelle gewinnen. Das heißt, sie brauchen eine bestimmte Geschwindigkeit oder ein Route-Running, mit dem sie sich gegen Linebacker, Cornerbacks oder Safeties durchsetzen. Das ist auch der Grund, warum oft Speedster in Kansas City landen. Beispiele aus der Super-Bowl-Ära sind Tyreek Hill, Demarcus Robinson, Mecole Hardman, Kadarius Toney und später Xavier Worthy – typische 1-on-1-Spezialisten.

  • Das Route-Running der Receiver ist entscheidend für den Erfolg. Daher funktionieren viele Spieler erst im zweiten Jahr unter Reid richtig gut, wenn sie die Formationen und Play-Konzepte nicht nur verstanden, sondern verinnerlicht haben.

  • Patrick Mahomes allein verändert durch seine Qualitäten aber die Art und Weise, wie Andy Reid die Offense der Chiefs betreibt. Er ist nicht nur der wilde Scrambler (ein Quarterback, der zu den Seiten ausweicht, um Zeit zu gewinnen), der mit Off-Platform-Würfen dem Publikum den Atem raubt, sondern auch ein sehr diszipliniertes Element der West-Coast-Offense von Reid.

  • Die Offensive Line ist wichtig, um genug Zeit zu verschaffen und keinen direkten Pressure zuzulassen. Sie muss nicht so dominant sein wie zum Beispiel die O-Line der Eagles. Viel wichtiger ist, dass die Spieler schnelle Füße haben und Mahomes smart schützen. Die Bewegung der O-Line geht bei den Chiefs also meist eher langsam nach hinten und nicht wie bei einer Run-Blocking-O-Line nach vorne.

  • Running Backs und Tight Ends haben meist auch die Aufgabe, die O-Line beim Blocken zu unterstützen und gerade Blitzes zu stoppen, also die Übermacht beim Passrush, wenn die Defense zusätzlich Linebacker oder Spieler aus dem Defensive Backfield schickt. Erst dann laufen sie Passrouten oder bieten sich als alternative Anspielstationen an.

Seit der Saison 2026 ist übrigens wieder Eric Bieniemy Offensive Coordinator der Chiefs. Er hatte den Posten schon von 2018 bis 2022 inne und löste Matt Nagy ab, der nach drei Jahren als OC zu den New York Giants gewechselt ist. Das Grundgerüst der Offense bleibt das System Andy Reid.

Teil 4: Die Plays – Was sind die wichtigsten Spielzüge der Chiefs-Offense?

Es gibt unglaublich viele Konzepte und Plays in der Chiefs-Offense (bis zu 150 im Gameplan, weit über 1.000 in der Hinterhand). Drei konkrete Play-Konzepte stellen wir hier vor: Spacing/Zone Pass, Tare/Stick und Hi-Lo.

Bevor wir in die Play-Konzepte gehen, ist es wichtig zu verstehen, dass jeder Receiver auf dem Feld eine Route aus dem folgenden Route-Tree läuft (mehr dazu in diesem Artikel von Bleacher Report):

Route-Tree mit den Passrouten Flat, Slant, Comeback, Curl, Out, Dig, Corner, Post und Fade
Der klassische Route-Tree der NFL. Reicht schon für Angeberwissen am Gameday. (O-Ton: „Die Comeback-Route hat er aber nicht gut verkauft.“)

Das Spacing-Konzept

Spielszene der Chiefs mit eingezeichneten Laufwegen des Spacing-Konzepts
Quelle: Bleacher Report
  • Am Anfang des Plays stehen im Spacing-Konzept drei Receiver eng nebeneinander an der unteren Seite. Zwei von ihnen laufen eine Curl-Route, der dritte Receiver bleibt mit seiner Flat-Route fast auf Höhe der Line of Scrimmage (LoS).

  • Wichtig ist gleichzeitig der Outside Receiver auf der gegenüberliegenden Seite, der eine Slant-Route läuft und durch den Fokus auf die andere Seite ein 1-on-1 bekommt.

  • Das funktioniert besonders gut gegen Zone-Coverage, wenn man zum Beispiel beim dritten Down noch 3 bis 6 Yards braucht, weil gleich mehrere Receiver dafür den Ball bekommen können.

Das Tare/Stick-Konzept

Spielszene der Chiefs mit eingezeichneten Laufwegen des Tare/Stick-Konzepts
Quelle: Bleacher Report
  • Das Tare-Konzept konzentriert sich darauf, das Spielfeld auseinanderzuziehen. Der Outside Receiver ganz unten läuft eine Fade-Route, also erst mal gerade das Feld hinunter, und zieht so den Cornerback mit. Wenn der zögert, wirft Mahomes den Ball tief.

  • Dadurch entsteht in der Mitte des Feldes Platz für Flat- und Out-Routen der beiden anderen Receiver, die einfache Würfe für Mahomes sein können. Gerade ein Travis Kelce wartet nur darauf, etwas Separation zu bekommen und den Ball in den Lauf zu erhalten.

  • Auf der anderen Seite kann der andere Passempfänger wieder verschiedene Routen im Eins-gegen-Eins gegen einen Verteidiger laufen.

Das Hi-Lo-Konzept

Spielszene der Chiefs mit eingezeichneten Laufwegen des Hi-Lo-Konzepts
Quelle: Bleacher Report
  • Das Hi-Lo-Konzept liefert eine weitere Möglichkeit, eine Man-Coverage zu irritieren. Der Tight End und der Slot Receiver (in der Saison 2022 oft Travis Kelce und JuJu Smith-Schuster) laufen eng nebeneinander nach vorne und biegen dann zu verschiedenen Zeitpunkten nach innen ab. So sieht Mahomes mit einem schnellen Blick, wer von beiden frei ist.

  • Die Route des Slot Receivers heißt hier Drive, ist aber einfach eine kürzere Dig-Route und kreuzt den Laufweg des Tight Ends. Dadurch können die Verteidiger nicht direkt mitlaufen, sondern brauchen einen Bruchteil einer Sekunde, um sich für einen Weg zu entscheiden.

  • Wenn einer der Safeties in der Mitte unterstützt, laufen sowohl der Tight End als auch der obere Receiver Fade-Routen und der Ball fliegt tief.

Ich kann euch empfehlen, die Chiefs-Spiele im Nachhinein im NFL Game Pass im Coaches Film beziehungsweise in der All-22-Perspektive zu schauen. Dort könnt ihr genau diese Konzepte in immer wieder abgewandelter Form bei den Chiefs beobachten und bekommt ein Gefühl für die Art der Calls. Wo ihr die Chiefs sonst seht, steht in unserem Überblick Chiefs im TV.

Zuerst erschienen im Kingdom-Newsletter am 15. September 2023, für die Webseite überarbeitet (Stand: November 2026). Quellen: Fox Sports (Bieniemy neuer OC), KCTV5 (Nagy zu den Giants).