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Das Magazin · Hintergrund

Was macht die Kälte mit dem Spiel der Chiefs?

Vom Ice Bowl 1967 bis zum Eisspiel gegen die Dolphins 2024: Warum Kälte Football verändert und warum das Arrowhead im Winter für Gäste so ungemütlich ist.

Von Daniel JensenAktualisiert am 4. November 2026 · Stand: November 20266 Min. Lesezeit

Das kälteste Spiel der NFL-Geschichte fand am 31. Dezember 1967 in Wisconsin statt. Die heimischen Green Bay Packers trafen im NFL Championship Game bei −13 Grad Fahrenheit (−25 Grad Celsius) auf die Dallas Cowboys. Der Sieger durfte im zweiten Super Bowl überhaupt gegen den Champion der AFL antreten. Die Presse gab dem Spiel den prägnanten Namen „Ice Bowl“, und die Packers-Fans waren siegesgewiss gegen die Spieler aus Dallas, die deutlich höhere Temperaturen gewöhnt waren.

Schwarz-Weiß-Foto dick eingepackter Zuschauer beim Ice Bowl 1967 in Green Bay
Zuschauer beim „Ice Bowl“ 1967 in Green Bay.

Doch trotz einer 14:0-Führung der Packers kamen die Cowboys zurück und lagen nur Minuten vor dem Ende mit 17:14 vorne. Im letzten Drive war der Boden vor der Endzone so vereist, dass das Laufspiel keinen Erfolg brachte. Also versuchten die Packers mit ihrem legendären Coach Vince Lombardi einen QB-Sneak. Dafür konzentrierten sich Center und Guard der Packers darauf, den Dallas-Verteidiger Jethro Pugh aus dem Spiel zu nehmen, und Quarterback Bart Starr hechtete in die Lücke zum Sieg-Touchdown. Zwei Wochen später krönten sich die Packers zum Super-Bowl-Champion.

Das kälteste Spiel der Chiefs-Geschichte

So kalt wie in Green Bay wird es in Kansas City selten, aber im Januar 2024 kam das Arrowhead nah heran. In der Wild Card Round der Playoffs empfingen die Chiefs am 13. Januar 2024 die Miami Dolphins bei −4 Grad Fahrenheit (−20 Grad Celsius), mit Windchill fühlte es sich wie −27 Grad Fahrenheit (−33 Grad Celsius) an. Es war das kälteste Spiel, das je im Arrowhead ausgetragen wurde, und eines der kältesten der NFL-Geschichte. Der bisherige Arrowhead-Rekord lag bei 1 Grad Fahrenheit (−17 Grad Celsius), gemessen 1983 gegen Denver und 2016 gegen Tennessee.

Die Chiefs gewannen deutlich mit 26:7. Rookie-Receiver Rashee Rice fing den Touchdown im ersten Drive und kam auf 130 Receiving Yards, Patrick Mahomes warf für 262 Yards. Es war der Auftakt zu einem Playoff-Lauf, der über Buffalo und Baltimore bis zum Sieg im Super Bowl LVIII führte.

Das Spiel ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark Kälte das Spiel verändert: Der Boden ist unangenehmer, die Tackles tun mehr weh, der Luftdruck im Ball lässt nach und der Ball ist schwerer zu fangen und weit zu werfen.

Was ist anders in der Kälte?

Der Ball: Der Druck im Ball sinkt bei Minusgraden deutlich, nach Angaben, die vor dem Dolphins-Spiel kursierten, um bis zu 20 Prozent. Daher muss der Luftdruck nicht im Warmen, sondern bei den kalten Außentemperaturen gemessen werden. Ansonsten droht das nächste Deflategate.

Die Hände: Nach knapp 15 Minuten in der Eiseskälte lässt die Kraft der Hände massiv (bis zu 50 Prozent) nach und es wird schwerer, den Ball festzuhalten. Dadurch steigt die Gefahr von Drops und Fumbles deutlich. Eine Auswertung aus dem Jahr 2016 hat ermittelt, dass die Anzahl an Turnovers in NFL-Spielen bei unter −12 Grad Celsius um 52 Prozent steigt.

Die Atmung: Die kalte Luft ist eine Belastung für die Atemwege – es ist schwerer, Luft zu holen, und die Muskeln werden härter. Insgesamt dauert es dadurch länger, die Muskeln aufzuwärmen. Sie arbeiten weniger effektiv und zerren oder reißen eher. Die Verletzungsgefahr steigt.

Die Körpertemperatur: Eine niedrigere Körpertemperatur sorgt dafür, dass der Körper bis zu fünfmal mehr Energie (beziehungsweise Glukose) verbraucht. Dadurch sinkt zum Beispiel die Ausdauer und es fehlt die Kraft, um gerade am Spielende alle Plays mit vollem Einsatz umzusetzen. Gerade für die Linemen auf beiden Seiten ein riesiges Problem.

Die Leistung: Die Teams schaffen bei kälteren Temperaturen normalerweise weniger Yards pro Spiel. Schon ab zehn Grad Celsius reduziert sich die Yard-Anzahl um bis zu fünf Prozent. Je kälter es wird, desto weniger Raumgewinn schaffen die Teams.

Der Ball in der Luft: Ob geworfen, gekickt oder gepuntet – der Ball fliegt in der Kälte kürzer als in warmen Gefilden. Das liegt vor allem am geringeren Druck im Ball und an der dichteren kalten Luft.

Punkte auf dem Scoreboard: Auch die Punkte werden weniger. Bei warmen Verhältnissen fallen in NFL-Spielen ca. 44 Punkte pro Spiel, bei 4 Grad Celsius sind es etwa 42,5 Punkte, bei −1 Grad Celsius nur noch 41 Punkte und bei −10 Grad Celsius weniger als 39 Punkte.

Ist die Kälte ein Vorteil für die Chiefs?

Das ist die größte Frage bei solchen extremen Wetterbedingungen. Die Statistiken vor dem Dolphins-Spiel sprachen klar für Kansas City: Von den letzten zehn Chiefs-Heimspielen mit Temperaturen unter 4 Grad Celsius hatte das Team neun gewonnen, von den vier Playoff-Spielen darunter sogar alle vier (Stand Januar 2024). Ganz anders sah es bei den Dolphins aus: Sie waren statistisch das schlechteste Team bei kaltem Wetter. Ihre letzten zehn Spiele unter 4 Grad Celsius hatten die Dolphins allesamt verloren – und das mit durchschnittlich 17 Punkten Unterschied.

Tabelle der zehn Niederlagen der Dolphins bei kaltem Wetter zwischen 2017 und 2023 mit Ergebnis, Temperatur und Datum
Die zehn Spiele der Dolphins bei winterlichen Temperaturen vor dem Playoff-Duell in Kansas City (Temperaturen in Grad Fahrenheit).

Auch für Quarterback Tua Tagovailoa sah es nicht rosig aus: Er war vor dem Spiel 0-4 in Partien unter 7 Grad Celsius. Auch seine Leistungswerte in diesen vier Spielen waren desaströs: Sein Passer Rating lag bei nur 71,8 (Karrieredurchschnitt damals: 97,1) und seine Completion-Rate bei 55,5 Prozent (Karriere: 66,9 Prozent). Es reichte in allen vier Spielen zusammen nur für vier Touchdown-Pässe bei fünf Interceptions.

Dazu kommt die Vorbereitung: Während die Chiefs-Spieler in der Kälte trainieren und verstehen, was das für den Körper, das Spielgerät und den Boden bedeutet, hatte es in Miami in der Woche vor dem Spiel angenehme 23 Grad Celsius. Selbst in der Halle können Klimaanlagen vielleicht 15 Grad simulieren – weit weg von der Kälte im Arrowhead.

Liniendiagramm: durchschnittliche Punkte von Heim- und Auswärtsteams bei sinkenden Temperaturen
Je kälter es wird, desto größer wird der Heimvorteil: Heimteams punkten konstant, Gastteams immer weniger (Temperaturen in Grad Fahrenheit).

Genau so kam es dann auch: Die Dolphins fanden in der Kälte nie ins Spiel und blieben bei sieben Punkten.

Wie gut ist Patrick Mahomes in Schnee und Eis?

Mahomes selbst hat gesagt, dass er ein „Snow Guy“ ist und es liebt, im Schnee zu spielen. Ein gutes Beispiel für seine Qualität bei kalten Bedingungen ist das AFC Championship Game gegen die Tennessee Titans im Januar 2020 vor seinem ersten Super Bowl. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt setzten sich die Chiefs nach frühem Rückstand mit 35:24 durch und zogen ins Endspiel ein.

Wichtigster Leistungsträger? Mahomes mit drei Touchdown-Pässen, einem Touchdown-Run, 294 Passing Yards, 53 Rushing Yards und keiner Interception. Wichtigster Receiver war damals übrigens Sammy Watkins mit 114 Yards bei sieben Receptions. Travis Kelce kam nur auf 30 Yards bei drei Catches.

Travis Kelce im roten Chiefs-Trikot mit Kapitänsabzeichen
Travis Kelce hatte im AFC Championship Game gegen die Titans einen ruhigen Tag.

Was sagen Spieler und Coaches?

Vor dem Dolphins-Spiel strahlten die Spieler in Kansas City vorsichtige Zuversicht aus, Coach Andy Reid war dagegen sehr verhalten. Right Tackle Jawaan Taylor erinnerte sich an ein Duell mit seinen damaligen Jaguars gegen die Chiefs im kalten Arrowhead: „Es ist absolut ein Vorteil. Es war sehr kalt für uns – und keiner war daran gewöhnt. Es ist ein riesiger Vorteil für Teams aus der Kälte.“ Andy Reid trat hingegen auf die Euphoriebremse: „Ich glaube, darauf kannst du dich nicht verlassen. Dann hast du schon verloren. Die Jungs aus Miami sind ziemlich standhaft, also müssen wir bereit sein.“

Mahomes freute sich einfach auf das Duell: „Ich komme aus Texas, da gibt es Spiele bei solchen Temperaturen nicht. Aber ich genieße das sehr. Es ist cool, bei der Kälte in einem Stadion zu sein – da weißt du, dass es echter Football ist, den du spielst.“ Von Tom Brady hatte er einige Jahre zuvor gelernt, dass es hilft, einen Neoprenanzug unter dem Trikot zu tragen. Damit ist es zumindest nicht ganz so beißend kalt, auch wenn die Beweglichkeit etwas abnimmt.

Wer selbst ein Winterspiel im Arrowhead erleben will, findet in unserem Gameday-Guide fürs Arrowhead Tipps gegen kalte Füße.

Zuerst erschienen im Kingdom-Newsletter am 11. Januar 2024, für die Webseite überarbeitet (Stand: November 2026). Quellen: KCTV5 (Chiefs vs. Dolphins 26:7), Arrowhead Pride.