Nach einem ersten Jahr an der Seitenlinie konnte Travis Kelce, ähnlich wie sein späterer bester Freund auf dem Platz, Patrick Mahomes, erst in seiner zweiten Spielzeit richtig in der NFL mitmischen. Der Drittrundenpick von den Cincinnati Bearcats war talentiert, aber auch als Chaot bekannt, der über die Stränge schlagen konnte. Auch wenn er schon mit Alex Smith 1.000-Yard-Saisons erreichte, kam seine Glanzzeit erst an der Seite von Mahomes. Im Januar 2024 stellten die beiden in der Divisional Round in Buffalo mit ihrem 16. gemeinsamen Playoff-Touchdown einen Rekord auf: Kein Quarterback-Receiver-Duo der NFL-Geschichte hatte in den Playoffs mehr Touchdowns zusammen erzielt, Tom Brady und Rob Gronkowski kamen auf 15. Seitdem haben Mahomes und Kelce ihre Bestmarke weiter ausgebaut. Was macht die beiden gemeinsam so gut?
Travis Kelce: Der Fixpunkt der Offense
Ob Travis Kelce auf dem Platz steht oder nicht, ist bei den Chiefs immer sofort sichtbar. Wenn er von der Line of Scrimmage in Richtung der gegnerischen Endzone läuft, konzentriert sich die Defense auf ihn. Meist versuchen nicht nur ein, sondern gleich mehrere Gegenspieler zu verhindern, dass der Ball in seine Richtung kommt. Gleichzeitig versteht er das Spiel so gut, dass er weiß, mit welchem, teilweise improvisierten, Laufweg er Räume für seine Mitspieler schafft. Ein Beispiel aus dem Wildcard-Spiel gegen die Dolphins im Januar 2024:

Die Wahrheit ist nämlich auch: Rashee Rice konnte in seiner Rookie-Saison nur so erfolgreich sein, weil er mit Kelce einen Mitspieler hatte, der ihm oft Raum gab und dafür sorgte, dass er kaum in Doppeldeckung geriet. Das hat auch gegen die Bills hervorragend funktioniert. Hier zum Beispiel für Tight End Noah Gray: Wieder sind zwei Verteidiger bei Kelce, der am unteren Bildrand endet, und fehlen in der Mitte, um den Wurf auf Gray zu verhindern.

Umso beeindruckender ist, dass Travis Kelce trotz dieser mehrfachen Sonderbewachung oft produktiv ist. Seine zwei Touchdowns gegen die Bills waren dafür ein schönes Beispiel. Auch Andy Reid hat verstanden, dass er die Gegner mit Kelce vor fast unlösbare Aufgaben stellen kann. In der Saison 2023 setzte er ihn deshalb vermehrt auch aus dem Backfield ein, um zu sehen, ob die Defense ihm auch dort ein oder zwei eigene Verteidiger gibt oder ihn aus den Augen verliert. Diese Offense war damals vor allem um Kelce herum gebaut, er war das Herz fast aller Plays.
Hier noch ein Beispiel dieser Klasse trotz Sonderbewachung: Der Linebacker nimmt Kelce auf, drei andere Verteidiger ziehen direkt nach rechts. Trotzdem fängt er den wirklich gut platzierten Ball.

Patrick Mahomes: Der Kelce-Versteher
Wenn Kelce das Herz der Chiefs-Offense ist, dann ist Mahomes das Hirn. Er versteht fast immer, was sein kongenialer Partner auf dem Feld vorhat, und spielt dann manchmal mit der Defense, damit genau das eintritt. Die stärkste Szene im Spiel gegen die Bills war der Touchdown, bei dem Kelce völlig frei in der Endzone stand. Wie hat Mahomes das geschafft?

Die Chiefs schickten in diesem Play drei Spieler über die linke Feldseite. Während Gray nach fünf Yards einbog, lief Mecole Hardman weiter und Kelce sogar ganz tief. Bills-Verteidiger Dane Jackson musste sich daher entscheiden, wen er deckt, und schaute dafür auf Mahomes. Der blickte in Richtung Hardman, obwohl er die ganze Zeit Kelce anwerfen wollte. Das blinde Verständnis der beiden hilft dabei enorm, weil Mahomes einfach weiß, wo Kelce ein paar Sekunden später steht. Das Schöne daran: Kelce wurde nicht offen gelassen, Mahomes hat ihn freigeschaut. Ein großer Unterschied.

Und was macht Mahomes, wenn Kelce mal nicht freisteht? Er läuft selbst und spielt mit der Verteidigung. Eigentlich machen die Bills hier vieles richtig, um Mahomes nach ein paar Yards zu stoppen, aber er foppt Rasul Douglas, indem er noch einen Wurf antäuscht, dann links vorbeiläuft und von einem Mitspieler Unterstützung bekommt. Das ist nicht nur gut, sondern ein wesentlicher Grund, warum Mahomes so besonders ist.
Wie gut Mahomes an diesem Abend im Vergleich zu seinem Gegenüber war, zeigt die folgende Statistik:

Patrick Mahomes kam auf 0,57 Expected Points Added pro Spielzug und damit auf mehr als doppelt so viel wie Josh Allen. Der brauchte deutlich mehr Spielzüge und nahm viel Zeit von der Uhr, weil er Mahomes möglichst wenig Gelegenheit zum Zurückschlagen geben wollte. Diese Effizienz der Chiefs mit Mahomes, Kelce, Rice und Pacheco fürchteten die Gegner, und ihre einzige Lösung war, selbst möglichst lange mit der eigenen Offense auf dem Platz zu bleiben.
Ein Duo für die Geschichtsbücher
Nach dem Sieg in Buffalo gewannen die Chiefs im Februar 2024 auch den Super Bowl LVIII, ein Jahr später erreichten sie mit dem Super Bowl LIX ihr fünftes Finale in sechs Jahren. Inzwischen zählen Mahomes und Kelce auch über die gesamte Karriere zu den erfolgreichsten Quarterback-Tight-End-Gespannen überhaupt: Stand Ende Oktober 2025 hatten sie in Regular Season und Playoffs zusammen 75 Touchdowns erzielt. Nur Tom Brady und Rob Gronkowski (105) sowie Philip Rivers und Antonio Gates (90) kamen auf mehr.
Damals habe ich geschrieben, dass ich gespannt bin, wie die Chiefs-Offense irgendwann ohne Kelce aussehen wird. Mahomes wird weiter dominieren, aber vieles, was jetzt funktioniert, wird dann ganz anders aussehen. Denn einen Spieler wie Kelce gibt es in der Liga nur ganz selten, und in Kombination mit Mahomes ist das taktisch wirklich sensationell. Dieser Moment ist noch nicht gekommen: Kelce ist 2026 für seine 14. Saison zurückgekehrt, und wir dürfen dem Duo mindestens noch ein Jahr länger zuschauen.
Zuerst erschienen im Kingdom-Newsletter am 25. Januar 2024, für die Webseite überarbeitet (Stand: November 2026). Quellen: Bolavip (gemeinsame Touchdowns), chiefs.com (Kelce-Rückkehr 2026).