15. Dezember 2013, Oakland. Die Chiefs gewinnen bei den Raiders mit 56:31, und fast jeder Touchdown trägt dieselbe Handschrift. Jamaal Charles fängt acht Pässe für 195 Yards, vier davon landen in der Endzone: nach 49, 39, 16 und 71 Yards. Dazu kommt ein Touchdown-Lauf aus einem Yard. Fünf Touchdowns in einem Spiel hatte zuvor seit 2003 niemand in der NFL geschafft. Und vier Touchdown-Catches plus einen Rushing Touchdown im selben Spiel hatte es laut Pro Football Hall of Fame noch nie gegeben. Schuhe und Handschuhe aus diesem Spiel liegen heute in Canton.
Dieser Nachmittag zeigt ziemlich gut, was Jamaal Charles ausgemacht hat: Er war nicht der klassische Arbeiter-Running-Back, der sich Yard für Yard durch die Mitte schiebt. Er war ein Sprinter mit Football-Instinkt, der jeden Spielzug in einen langen Touchdown verwandeln konnte, egal ob nach Handoff oder nach einem Pass in die Flat. Für viele Chiefs-Fans ist er bis heute der beste Running Back der Franchise-Geschichte. Aber stimmt das wirklich?
Wie wird ein Hürdenläufer zum Running Back?
Jamaal Charles wurde am 27. Dezember 1986 in Port Arthur, Texas, geboren und spielte an der Memorial High School. Dort war er vor allem eins: schnell. Als Junior lief er für 2.051 Yards und 25 Touchdowns, als Senior für 2.056 Yards und erneut 25 Touchdowns. Parallel war er ein Leichtathletik-Talent auf internationalem Niveau. 2003 gewann er bei der U18-Weltmeisterschaft (World Youth Championships) Bronze über 400 Meter Hürden, in seinem letzten Highschool-Jahr wurde er texanischer Meister über 110 und 300 Meter Hürden.
An der University of Texas fuhr Charles zunächst zweigleisig. Im Football kam er als Freshman 2005 direkt auf 878 Yards bei 7,4 Yards pro Lauf und 11 Rushing Touchdowns – in einem Team, das mit Quarterback Vince Young die National Championship gewann. In der Leichtathletik holte er 2006 den Big-12-Titel über 100 Meter in 10,23 Sekunden, seine Bestzeit liegt bei 10,13 Sekunden.
Danach konzentrierte er sich auf Football, und das zahlte sich aus. 2007 lief Charles für 1.619 Yards und 18 Touchdowns bei 6,3 Yards pro Lauf. Nach drei Jahren stand er bei 3.328 Rushing Yards für die Longhorns und meldete sich zum NFL Draft an, ein Jahr früher als nötig.
Wieso ging er erst in Runde 3?
Im Draft 2008 musste Charles bis zum 73. Pick in der dritten Runde warten. Kurios: Den Pick hatten die Chiefs von den Minnesota Vikings bekommen, im Trade für Passrusher Jared Allen. Bei den Chiefs war die Rolle des Starters vergeben: Larry Johnson war der etablierte Starter, Charles der Ergänzungsspieler. In seiner Rookie-Saison stand er auch noch eine Saison lang mit Tony Gonzalez auf dem Platz, bevor der Tight End nach Atlanta getradet wurde.
Die Wende kam im November 2009. Die Chiefs trennten sich nach mehreren Eskapaden von Larry Johnson, und Charles bekam seine Chance. Er nutzte sie sofort: Am Saisonende stand er bei 1.120 Rushing Yards und 5,9 Yards pro Lauf, obwohl er erst in der zweiten Saisonhälfte zum Starter wurde. Im letzten Spiel in Denver lief er für 259 Yards. Das ist bis heute der Chiefs-Rekord für ein einzelnes Spiel.
Wie gut war Charles auf dem Höhepunkt?
2010 folgte der Durchbruch auf ganzer Linie: 1.467 Rushing Yards bei 6,4 Yards pro Lauf, dazu 468 Receiving Yards. Das brachte ihm den ersten Pro Bowl und die Wahl ins First Team All-Pro ein, also in die Auswahl der besten Spieler pro Position. 6,4 Yards pro Lauf als Starter über eine ganze Saison – das ist historisch gut.
Aber: Die nächste Saison war schon nach zwei Spielen vorbei. In Week 2 2011 in Detroit riss sich Charles das Kreuzband. Für einen Spieler, dessen Spiel fast komplett auf Explosivität beruhte, war das die denkbar schlechteste Verletzung.
Umso beeindruckender war sein Comeback. 2012 lief er für 1.509 Yards, so viele wie in keiner anderen Saison seiner Karriere. Im Spiel in New Orleans kam er auf 233 Rushing Yards, darunter ein 91-Yard-Touchdown-Lauf, der den Franchise-Rekord für den längsten Lauf einstellte. Das Team drumherum war allerdings ein Desaster und beendete die Saison mit der schlechtesten Bilanz der Liga. Auf Charles folgte Pro Bowl Nummer zwei und die Wahl ins Second Team All-Pro.
Was änderte sich mit Andy Reid?
2013 übernahm Andy Reid, und für Charles war das ein Glücksfall. Reid hatte in Philadelphia mit Brian Westbrook schon einmal einen Running Back zum zentralen Baustein der Offense gemacht, der genauso gefährlich als Receiver wie als Läufer war. Genau diese Rolle bekam Charles. Reids System nutzte ihn bei Screens, Swing-Routes und aus dem Backfield heraus, und Charles lieferte die beste Saison seiner Karriere: 1.287 Rushing Yards, 70 Receptions für 693 Yards und insgesamt 19 Touchdowns. Damit war er der beste Touchdown-Scorer der NFL und wieder First Team All-Pro.
Das Spiel in Oakland war die Krönung dieser Saison. Das Ende war dagegen bitter: In der Wild Card Round in Indianapolis musste Charles schon in der Anfangsphase mit einer Gehirnerschütterung raus. Ohne ihn verspielten die Chiefs eine 38:10-Führung und verloren 44:45. Bis heute gehört dieses Spiel zu den schmerzhaftesten Playoff-Niederlagen der Franchise. Wie anders es mit Charles auf dem Feld gelaufen wäre, kann niemand sagen.
2014 kam der vierte Pro Bowl dazu. Am 19. Oktober 2014 überholte er Priest Holmes als bester Rusher der Chiefs-Geschichte. Am Saisonende standen 1.033 Rushing Yards und 14 Touchdowns.
Wie endete die Zeit in Kansas City?
Am 11. Oktober 2015, in Week 5 gegen die Chicago Bears, riss sich Charles das Kreuzband im rechten Knie. Wieder war die Saison nach wenigen Wochen vorbei. Diesmal kam er nicht mehr richtig zurück: 2016 stand er nur in drei Spielen auf dem Feld, jeweils mit wenigen Snaps, dann landete er wegen des Knies erneut auf der Injured Reserve. Ende Februar 2017 entließen die Chiefs ihren Rekord-Rusher.
Es folgten zwei kurze Stationen, über die die meisten Chiefs-Fans lieber nicht reden. 2017 spielte Charles ausgerechnet für die Broncos und kam in 14 Spielen auf 296 Rushing Yards. Im Oktober 2018 holten ihn die Jacksonville Jaguars für zwei Wochen, er bekam in zwei Spielen sechs Carries. Danach war Schluss.
Der eigentliche Abschied fand aber in Kansas City statt. Am 1. Mai 2019 unterschrieb Charles einen symbolischen Eintagesvertrag, um als Chief in den Ruhestand zu gehen. Auf dem Trainingsplatz nahm er im Anzug einen letzten Handoff von Patrick Mahomes entgegen. Ein schönes Bild: der beste Running Back der alten Chiefs-Ära und der Quarterback, mit dem die neue begann.
„Thank You, Jamaal Charles“: das Abschiedsvideo der Chiefs ansehen
Was sagen die Zahlen?
In elf NFL-Saisons kam Jamaal Charles auf 1.407 Läufe für 7.563 Yards und 44 Rushing Touchdowns, dazu 310 Receptions für 2.593 Yards und 20 Receiving Touchdowns. Für die Chiefs allein erlief er 7.260 Yards, das ist bis heute Franchise-Rekord. Er war viermal im Pro Bowl (2010, 2012, 2013, 2014) und zweimal First Team All-Pro (2010, 2013).
Die wichtigste Zahl ist aber eine andere: 5,4 Yards pro Lauf. Unter allen Running Backs mit mindestens 1.000 Läufen hat niemand einen besseren Karriereschnitt. Jim Brown, für viele der beste Running Back aller Zeiten, liegt bei 5,2. Vor Charles stehen in dieser Liste nur Quarterbacks wie Lamar Jackson, die mit Scrambles und Designed Runs ganz andere Läufe machen.
Die fünf Touchdowns gegen die Raiders 2013 im Video ansehen (NFL Throwback)
Wo steht Charles in der Chiefs-Geschichte?
Die ehrliche Antwort: ganz oben, aber nicht allein. Zwei Namen muss man in diese Diskussion mitnehmen.
Priest Holmes war von 2001 bis 2007 bei den Chiefs und hatte die vielleicht beste Phase, die ein Running Back in Kansas City je hatte. Drei Jahre in Folge First Team All-Pro, 2002 Offensive Player of the Year, 2003 mit 27 Touchdowns damals NFL-Rekord für eine Saison. Mit 76 Rushing Touchdowns für die Chiefs hat er deutlich mehr als Charles. Seit 2014 ist er in der Chiefs Hall of Fame. Seine Schwäche im Vergleich: Die Spitze war extrem hoch, aber kurz, in seinen letzten Chiefs-Jahren bremsten ihn Verletzungen aus.
Larry Johnson hatte zwei herausragende Jahre: 2005 lief er für 1.750 Yards und 20 Touchdowns, 2006 für 1.789 Yards. Seine 416 Carries aus 2006 sind bis heute NFL-Rekord für eine Saison. Aber: Danach ging es schnell bergab, sportlich wie menschlich, und 2009 trennten sich die Chiefs von ihm. Mit 6.015 Yards für die Chiefs steht er in der Franchise-Bestenliste knapp hinter Holmes (6.070).
Wieso sehen trotzdem viele Charles vorn? Erstens wegen der Konstanz über mehr Jahre: fünf Saisons mit mehr als 1.000 Rushing Yards, trotz zweier Kreuzbandrisse. Zweitens wegen der Effizienz: 5,4 Yards pro Lauf über eine ganze Karriere erreicht keiner der beiden auch nur annähernd. Drittens, weil er für einen Running Back außergewöhnlich vielseitig war und als Receiver fast genauso gefährlich wie als Läufer. Und viertens, weil er das alles in Teams geschafft hat, in denen Gegner wussten, dass er die einzige echte Waffe war.
Seine Schwäche ist ebenfalls klar: Ihm fehlen die ganz großen Playoff-Momente. Nur zweimal stand er in der Postseason auf dem Feld, beide Spiele gingen verloren, und 2013 war er schon nach wenigen Minuten raus.
Warum fehlt er noch in den Halls of Fame?
Bei der University of Texas ist Charles seit 2020 in der Hall of Honor, 2024 wurde er in die Texas Sports Hall of Fame aufgenommen. Für die Pro Football Hall of Fame war er erstmals für den Jahrgang 2024 nominiert, also im ersten Jahr seiner Wählbarkeit, und danach auch für 2025 und 2026. Für den Jahrgang 2026 schied er aber schon vor der Runde der letzten 52 Kandidaten aus. Das Problem ist das übliche bei Running Backs mit kurzer Karriere: Es fehlen die ganz großen Gesamtzahlen.
Überraschender ist, dass er noch nicht in der Chiefs Hall of Fame steht (Stand: November 2026). 2024 wurde Tamba Hali aufgenommen, 2026 Derrick Johnson. Beobachter nennen Charles den naheliegendsten Kandidaten auf der Offense-Seite, und dem kann ich mich nur anschließen. In eine Reihe mit Derrick Thomas und Tony Gonzalez gehört er für mich ohnehin.
Was macht Jamaal Charles heute?
Charles lebt mit seiner Frau Whitney in Austin und ist regelmäßig bei den Longhorns zu Gast, etwa beim Spring Game oder als Gast in Podcasts rund um das Texas-Football-Programm. Er hat eine Familienstiftung gegründet, die Jamaal Charles Family Foundation, und engagiert sich bei den Special Olympics sowie im Boys & Girls Club. 2024 hat er offen darüber gesprochen, dass er nach dem Karriereende mit Depressionen zu kämpfen hatte, auch weil er bei Investments Geld verloren hatte. Dass ein ehemaliger All-Pro so ehrlich darüber redet, finde ich bemerkenswert und wichtig.
Fazit: Der beste Running Back der Chiefs?
Für mich ist Jamaal Charles der beste Running Back der Chiefs-Geschichte. Priest Holmes hatte die stärksten drei Jahre, das gebe ich zu. Aber Charles war über eine längere Zeit der Spieler, für den man eingeschaltet hat, in Jahren, in denen es sonst oft wenig Grund dafür gab. Kein Running Back mit mindestens 1.000 Läufen hat einen besseren Schnitt, und kein Chief ist für mehr Yards gelaufen.
Gleichzeitig bleibt bei ihm immer ein „Was wäre, wenn?“. Was wäre gewesen ohne die beiden Kreuzbandrisse? Was wäre gewesen, wenn er im Januar 2014 in Indianapolis nicht schon nach wenigen Minuten vom Feld gemusst hätte? Und was hätte er mit einem Patrick Mahomes als Quarterback angestellt? Wir werden es nie erfahren. Einen Platz in der Chiefs Hall of Fame hat er sich aus meiner Sicht längst verdient.
Mehr aus der Reihe „Chiefs-Legenden“
- Derrick Thomas: Die Geschichte der Chiefs-Legende
- Tony Gonzalez: Der Tight End, der die Position neu erfand
Quellen: Pro Football Hall of Fame (Spiel in Oakland 2013), Chiefs.com, Wikipedia (Jamaal Charles), StatMuse (Yards pro Lauf, mind. 1.000 Läufe), NFL.com, Pro Football Hall of Fame (Nominierungen 2026), Heavy (Chiefs Hall of Fame 2026), Wikipedia (Priest Holmes), Wikipedia (Larry Johnson), Sports Illustrated.